Unsere Auslandskorrespondentin Fr. Mag. Judith Feyrer berichtet:
4466 km in vier Tagen - Mit dem Zug von Toronto nach Vancouver 14.1.2010 - 21 Uhr: Gepäcks-Check-in am Bahnhof Toronto, Ontario. Ich bin etwas zu früh, will aber vermeiden, meine mittlerweile sehr schwere und nicht gerade handliche Reisetasche irgendwo im Abteil verstauen zu müssen. Mein erster Blick fällt auf die Anzeigentafel „Departures“ und ich erahne es schon aus mehreren Metern Entfernung: Mein Zug hat Verspätung. 90 Minuten. Wer den Bahnhof, besser bekannt als Union Station schon einmal gesehen hat, weiß, dass es nicht gerade ein Ort ist, an dem man gerne verweilt. Nicht besonders sauber, nicht immer die beste Gesellschaft und vor allem zu viele gröhlende, oft pöbelnde Eishockey-Fans, da das Station der Toronto Maple Leafs gleich nebenan ist. Ich muss mich konzentrieren nicht einzuschlafen, da ich mein Zimmer im Hostel um 10.30 verlassen musste und der Tag schon sehr lange war. Zugegeben, das ein oder andere Pint am Vorabend haben ihr übriges getan. Nach minütlichem Starren auf die überdimensionale Bahnhofsuhr ist es endlich soweit. „The Canadian“ trifft in Toronto ein und ich kann mein Bett im Schlafwagen beziehen. Abfahrt: 0.15, Verspätung: 135 Minuten.

Tag 1: 7.30. Ich öffne den Vorhang. Es herrscht nahezu totale Dunkelheit draußen, obwohl es mittlerweile fast Acht Uhr ist. Das einzige was ich erkennen kann sind Bäume voll mit Schnee. Kein Haus, kein Auto, keine Menschen. Natur pur. Ich begebe mich in den Speisewagen um zu frühstücken und erfahre, dass Gäste, deren Tarif die Speisen enthalten eine Reservierung benötigen. Offenbar hat man mich am Bahnhof nicht als Tourist dieser Kategorie eingestuft, da der Großteil der Reisenden über 60 ist und vor allem, weil sich die regulären Preise eher im vierstelligen (Dollar-) Bereich befinden. Ich erhalte aber dennoch mein ausgezeichnetes Frühstück, das ich à la Carte wählen kann und fühle mich sehr gut umsorgt durch die Crew des Restaurants. Nach dem Frühstück mache ich mich auf die Suche nach dem Panoramawagen, der sich am Ende des Zuges befindet. Leider ist es stark bewölkt und sehr trüb, was das Festhalten der Landschaft durch meine mittelmäßige Kamera nicht gerade einfach gestaltet. Mittags kann ich zwischen Lamm, Lachs und Steak wählen, als Entree wird ein Gemüsesüppchen serviert, als Dessert entscheide ich mich für Brownie mit Vanilleeis. Wasser, Kaffee, Tee und verschiedene Säfte werden stets nachgeschenkt und auch im Panoramawagen ist ein Steward um das leibliche Wohl der Gäste besorgt. Ich bin schrecklich müde, da ich nachts mehrmals aufgewacht bin, will aber nicht schlafen, da ich von anderen Gästen erfahren habe, dass man mit Glück, Bären oder Elche vom Zug aus beobachten kann. Wer mich besser kennt weiß, dass ich mich nicht besonders für Tiere interessiere. Wenn man aber schon in Kanada ist und die Möglichkeit hat, sollte man diese auch nützen.

Manitoba Tag 2: 6.45 Ich bin eine der Ersten im Restaurant um zu frühstücken. Wir haben die Verspätung gänzlich aufgeholt und werden laut Plan noch vor Acht in Winnipeg eintreffen. Geplante Abfahrt Zwölf Uhr. Vier Stunden also um die Hauptstadt der Provinz Manitoba unsicher zu machen. Leider ist es noch dunkel draußen und der Bahnhof scheint nicht wirklich im Zentrum der Stadt zu liegen. Dennoch beschließe ich nicht die speziell für Zugtouristen zugeschnittenen Stadtrundfahrt zu buchen und ziehe alleine los. Wie sich herausstellt, ist das Zentrum nicht ganz so weit entfernt und insbesondere auch nicht so umfangreich um mehrere Stunden oder möglicherweise sogar Tage dort zu verbringen. Winnipeg erinnert eher an eine Mischung aus 70er-Jahre-Betonbauten, den überall vorzufindenden moderneren Hochhäusern der großen Hotelketten und Daisy-Town á la Lucky Luke. Nach meinem Stadtrundgang mache ich noch einen Abstecher in die städtische Markthalle und zum Red River, der gänzlich zugefroren ist und von Kindern zu einem Eishockeyfeld umgewandelt wird. Eishockey scheint hier wie Fußball in Brasilien zu sein, kein Wunder also, dass die kanadische Mannschaft bei den olympischen Spielen als Favorit für die Goldmedaille gilt. Zurück im Zug stehe ich vor der Auswahl Forelle, Truthahn oder Bruschetta, als Dessert Lemon-Tarte oder Maple-Syrup-Eis.

Nach dem Essen ergattere ich den besten Platz im Panoramawagen, ganz vorne rechts. Durch die Erhöhung habe ich von hier aus den ganzen Zug im Blickfeld. Doch das ist bei weiten nicht das Beeindruckenste was sich meinen Augen bietet. Manitoba, die Kornkammer Kanadas erstrahlt in glänzendem Gold und das, obwohl die Felder gemäht und durch eine zentimeterdicke Schneeschicht bedeckt sind. Wahrscheinlich liegt es an der sehr tief stehenden Sonne, die sich heute zum Glück auf wolkenlosem, tiefblauen Himmel zeigt. Gerade will ich meinen Reisebericht für heute beenden, als mich der Steward des Wagons mit einem Gläschen Champagner überrascht.

Manitoba

Manitoba Tag 3: Mein Wecker klingelt um 6:30 da wir in wenigen Minuten in Edmonton, der Hauptstadt Albertas eintreffen sollen. Es ist noch dunkel und ich frage mich, warum es noch so ruhig im Zug ist. Die Erklärung ist schnell gefunden, wir haben mehr als zwei Stunden Verspätung und befinden uns noch im nirgendwo zwischen Sasketschawan und Alberta. Da wir laut Fahrplan zur Mittagszeit in Jasper sein sollten, wird heute kein Frühstück und kein Lunch serviert, es gibt stattdessen eine Art Frühstücksbuffet im Panoramwagen und später Brunch im Restaurant. Ich freue mich tatsächlich über unsere Verspätung, da ich den Sonnenaufgang verfolgen kann und es bei der Ankunft in Edmonton schon hell ist. Leider haben wir nur verkürzten Aufenthalt und ich steige nur aus, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Es scheint nun innerhalb von kürzester Zeit ziemlich kalt geworden zu sein, da sich an den hinteren Fenstern des Panoramwagens tatsächlich Eisblumen an den Scheiben abzeichnen. Wir erreichen einen See, an dessen Ufer wir nur wenige Meter entfernt für eine ganze Weile entlang fahren. Der See scheint zur Gänze zugefroren zu sein und man kann vom Zug aus Eisfischer beobachten. Wir durchqueren schneebefüllte Schluchten über keine Grenzen zu kennende Gewässer. Alberta besteht zum großen Teil aus Seen und Wälder wie es scheint und durch die angezuckerten Baumwipfel fühle ich mich ein bisschen wie in Anja und die vier Jahreszeiten. Die Zugtrasse verläuft etwas erhöht über atemberaubende Wälder und Täler. Vereinzelt sieht man Blockhütten und kleine Farmen mit Pferden oder Kühen. Obwohl es erst halb zwei ist, steht die Sonne sehr tief und die Landschaft wirkt durch den einzigartigen Lichteinfall verzaubert. Ich versuche diesen Moment mit meiner Kamera festzuhalten, aber das Licht als auch die mittlerweile etwas dreckigen Scheiben trüben jeglichen Versuch. Gegen Drei ist es endlich soweit, wir befinden uns irgendwo kurz vor der Grenze zu British Columbia als sich die Rocky Mountains vor unseren Augen erheben. Ein Raunen geht durch den Panoramwagen da manche Mitreisende offenbar noch nie in den Bergen waren. Aufgeregt werde ich gefragt, ob die Alpen in Österreich diesem Anblick gleichen. Ich bejahe, da die Gegend etwas an Tirol erinnert, doch dann passieren wir einen Tunnel und am anderen Ende erstreckt sich der Jasper Nationalpark in seinem schönsten Winterkleid. Der Mix aus weißen Bergspitzen, braun-orange gemaserten Felsen und zugefrorenen Seen und Flüssen erinnert mich daran, dass ich fernab von zuhause bin. Trotz der winterlichen Stimmung leuchten die Bäume smaragdgrün und die Seen türkis. Ich bin mehr als beeindruckt und kann es kaum in Worte fassen, als dem beeindruckenden Naturschauspiel noch ein Krönchen aufgesetzt wird: unseren Augen präsentiert sich eine Herde von Elchen und nur wenige Minuten später können wir Steinböcke und Gemsen an steilen Felswänden beobachten. Ich lehne mich zurück und bin glücklich, gut dass ich mich für diesen Trip entschieden habe.

Jasper Als wir Jasper erreichen haben wir mehr als zwei Stunden Verspätung. Da ich mich aber nicht nur in diesem Zug befinde um von A nach B zu kommen, sondern um Kanada kennenzulernen, verschwende ich keinen Gedanken daran. Jasper ist ein kleiner Ort, der im Winter durch zahlreiche Wintersport-Begeisterte in ein lebhaftes Städtchen verwandelt wird. Ich spaziere ein wenig durch den Ortskern, schreibe ein, zwei Postkarten und genieße die frisch-frostige Bergluft. Zurück im Zug bin ich gleichermaßen ein wenig traurig, da es mein letzter Abend an Board ist, aber auch froh, wenn ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, da ich mich seit Tagen nicht wirklich bewegen konnte. Ich genieße mein letztes Dinner mit einem sehr netten Pärchen aus Philadelphia und gehe früh zu Bett. Morgen wird ein langer Tag. Eine neue Stadt, ein neuer Job und neue Gesichter.

Jasper

Rocky Mountains Fazit: 250 Fotos, gefühlte fünf Kilo und drei Zeitzonen in drei Tagen waren aufregend aber auch angstrengend und ich bin froh endlich in Vancouver, der angeblich schönsten Stadt der Welt zu sein. Wer kein Problem mit fehlender Privatspähre, oft stundenlangen Verspätungen, wackeligen Streckenabschnitten und tagelanger Bewegungslosigkeit hat, dem ich kann ich die Zugfahrt nur weiterempfehlen. Es gibt wohl keine vergleichbare Möglichkeit um so viele Regionen Kanadas in so kurzer Zeit und mit nicht allzu großem Geldaufwand zu entdecken.
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